19.08.2026
Dr. Stephan Fasshauer, Hauptgeschäftsführer der DGUV (Foto: Heiko Laschitzki / DGUV)
Hitze senkt die Leistungsfähigkeit, erhöht das Unfallrisiko und kostet die deutsche Wirtschaft Milliarden. Gleichzeitig verändern Vegetationsbrände, Starkregen und neue gesundheitliche Belastungen die Arbeitswelt. Die Folgen des Klimawandels sind deshalb auch ein Thema für die gesetzliche Unfallversicherung. Stephan Fasshauer, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV), sieht Prävention als Wirtschaftsfaktor.
Herr Fasshauer, ein einziger Hitzetag mit mehr als 30 Grad kostet die deutsche Wirtschaft nach aktuellen Berechnungen rund 431 Millionen Euro. Überrascht Sie diese Zahl?
Fasshauer: Die Größenordnung, die Prognos im Auftrag des Bundesarbeitsministeriums ermittelt hat, ist bemerkenswert, überrascht uns aber nicht. Hitze senkt Produktivität, Konzentration und Reaktionsfähigkeit, das Unfallrisiko steigt. Die Folgen des Klimawandels sind längst auch eine wirtschaftliche Frage.
Nun sind Sie Hauptgeschäftsführer der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung und nicht Chef eines Wirtschaftsforschungsinstituts. Warum ist das Ihr Thema?
Fasshauer: Weil unser Auftrag nicht erst beginnt, wenn ein Arbeitsunfall passiert ist. Eine unserer wichtigsten Aufgaben ist Prävention. Wenn sich Risiken in der Arbeits- und Bildungswelt verändern, müssen wir uns damit beschäftigen: Hitze, Starkregen und Hochwasser, Vegetationsbrände, Allergene oder neue Infektionsrisiken. Das wird sehr konkret – für den Dachdecker bei weit über 39 Grad, den Erzieher in einer aufgeheizten Kita, die Pflegekraft oder das Mitglied der freiwilligen Feuerwehr bei einem Waldbrand-Einsatz.
Trotzdem: Die gesetzliche Unfallversicherung ist keine Klimaschutzorganisation.
Fasshauer: Nein. Wir machen keine Klimapolitik. Wir sehen uns an, wo sich durch den Klimawandel Risiken für Sicherheit und Gesundheit verändern – und was wir präventiv dagegen tun können. Das ist unser gesetzlicher Auftrag.
Aber Hitze gab es auf Baustellen auch vor 30 Jahren. Was ist daran neu?
Fasshauer: Häufigkeit und Intensität. Die Zahl der heißen Tage mit mindestens 30 Grad hat sich in Deutschland seit den 1950er-Jahren etwa verdreifacht. Und wir sehen den Effekt in unseren eigenen Daten: Ab 30 Grad gibt es etwa acht Prozent mehr Arbeitsunfälle als bei Temperaturen zwischen 10 und 15 Grad. Bei Wegeunfällen im Straßenverkehr sind es sogar rund 17 Prozent mehr. Für jemanden auf einem Gerüst, an einer Maschine oder hinter dem Steuer kann nachlassende Konzentration schwerwiegende Folgen haben.
Wird der Klimawandel zum Standortproblem?
Fasshauer: Das ist er schon. Allein 2023 gingen in Deutschland schätzungsweise 37 Millionen Arbeitsstunden durch Hitze verloren. Prävention hilft, Ausfälle zu vermeiden, Leistungsfähigkeit zu sichern und Menschen gesund zu halten. Gerade wenn sich die Rahmenbedingungen verändern, brauchen Unternehmen und Beschäftigte verlässliche Strukturen. Die gesetzliche Unfallversicherung kann sie dabei unterstützen, die Risiken früh zu erkennen und praktikable Antworten zu entwickeln.
Sind die Unternehmen darauf vorbereitet?
Fasshauer: Viele sind weiter, als man vielleicht vermutet. Unsere Befragungen zeigen, dass klimabedingte Risiken in vielen Betrieben längst wahrgenommen werden und Maßnahmen laufen. Natürlich hat ein Industriekonzern andere Möglichkeiten als ein Handwerksbetrieb mit zwölf Beschäftigten. Deshalb brauchen wir branchengerechte Lösungen. Berufsgenossenschaften und Unfallkassen kennen die Betriebe sehr genau. Und in unserer Selbstverwaltung gestalten Arbeitgeber und Versicherte gemeinsam. Präventionsmaßnahmen durchlaufen damit gewissermaßen schon vorab einen Praxistest: Sind sie wirksam, praktikabel und akzeptabel?
Was heißt das konkret? Klimaanlagen für alle?
Fasshauer: Nein. Manchmal helfen schon Verschattung, Nachtauskühlung, eine Verlagerung schwerer Tätigkeiten in kühlere Tageszeiten oder Cooldown-Phasen. Wir brauchen keine Parallelwelt des „Klima-Arbeitsschutzes“. Die Instrumente sind da. Entscheidend ist, dass die Lösungen zur Tätigkeit passen und handhabbar bleiben. Unser Credo lautet: so viel Regulierung wie nötig, aber so wenig wie möglich.
Eine besonders exponierte Gruppe sind Feuerwehrleute. 2025 brannten in Deutschland 2.626 Hektar Wald – mehr als dreimal so viel wie im langjährigen Durchschnitt. Was bedeutet das für Sie?
Fasshauer: Vegetationsbrände zeigen, wie Risiken zusammenkommen. Gerade Einsatzkräfte leisten schwere körperliche Arbeit bei großer Hitze und unter Schutzkleidung, das können wir dieser Tage bei den großen Bränden wie in der Eifel alle live verfolgen. Dabei sind sie auch Brandrauch und krebserzeugenden Stoffen ausgesetzt. Deshalb untersucht unser Institut für Prävention und Arbeitsmedizin, welchen Gefahrstoffen die Einsatzkräfte ausgesetzt sind und wie hoch ihre körperliche Belastung ist. Unser Institut für Arbeitsschutz ergänzt diese Forschung unter anderem durch Luftmessungen. Daraus können konkrete Schutzmaßnahmen entstehen. Die Feuerwehr-Unfallkassen sorgen als Partner der Feuerwehren nicht nur für den Versicherungsschutz, sondern tragen auch dafür Sorge, dass wissenschaftliche Erkenntnisse direkt in wirksame Prävention für die Einsatzkräfte übersetzt werden.
Hitze dominiert derzeit die Debatte. Welche Risiken geraten dabei aus dem Blick?
Fasshauer: Zum Beispiel Allergien und Infektionskrankheiten. Längere Vegetationsperioden verändern den Pollenflug, auch Zecken und Mücken und die von ihnen übertragenen Erkrankungen spielen eine Rolle. Hinzu kommen Starkregen und Hochwasser mit Risiken durch kontaminierten Schlamm, biologische Arbeitsstoffe, Gefahrstoffe oder Strom. Und Hitze wirkt auch psychisch: Sie kann Schlaf und Konzentration beeinträchtigen und die Reizbarkeit erhöhen. Klimawandelfolgen sind eben nicht ein einzelnes neues Risiko, sondern verändern ein ganzes Spektrum von Belastungen.
Andere Weltregionen leben längst mit extremeren klimatischen Bedingungen.
Fasshauer: Gerade deshalb können wir international viel lernen. Wir arbeiten seit Jahrzehnten mit Arbeitsschutz- und Sozialversicherungsinstitutionen weltweit zusammen, unter anderem in Asien und Afrika. Uns interessiert: Wie organisieren andere Arbeit bei extremer Hitze? Welche technischen oder organisatorischen Lösungen bewähren sich? Internationale Zusammenarbeit ist für uns keine Einbahnstraße. Regionen, die mit solchen Bedingungen länger umgehen, verfügen über Erfahrungen, die auch für uns wertvoll sind.
Ist Deutschland ausreichend klimafest?
Fasshauer: Wir haben leistungsfähige Strukturen und viel Wissen. Die Herausforderung ist, dieses Wissen schneller in die Fläche zu bringen. Schon 2022 sahen in unserer Beschäftigtenbefragung 62 Prozent Handlungsbedarf bei Hitze in Innenräumen, knapp die Hälfte bei Arbeit im Freien und mehr als 40 Prozent bei psychischen Belastungen und Extremwetter. Das Thema ist angekommen. Jetzt müssen aus Erkenntnissen Routinen werden.
Braucht es dafür mehr Regeln und Gesetze?
Fasshauer: Nicht jede neue Herausforderung braucht automatisch ein neues Regularium. 30 Grad im Büro sind etwas anderes als 30 Grad bei schwerer körperlicher Arbeit auf einem Dach. Wir müssen das bestehende Schutzniveau unter veränderten Bedingungen sichern – zielgenau und ohne unnötige zusätzliche Belastungen für die Betriebe und Einrichtungen.
Was wäre für Sie in fünf Jahren ein Erfolg?
Fasshauer: Dass klimabedingte Risiken selbstverständlich mitgedacht werden, wo sie relevant sind: in der Kita, im Handwerksbetrieb, bei der Feuerwehr oder in einer Kommune, die sich auf Starkregen vorbereitet. Die gesetzliche Unfallversicherung ist seit mehr als 140 Jahren erfolgreich, weil sie sich an eine veränderte Arbeitswelt anpassen kann. Das müssen wir auch jetzt tun: Risiken früh erkennen, wissenschaftlich untersuchen und Lösungen entwickeln, die in der Praxis funktionieren. Damit schützen wir Menschen – und tragen dazu bei, dass Wirtschaft und Gesellschaft leistungs- und handlungsfähig bleiben.
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