• Resilienz ein wichtiger Aspekt für Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit

IPA Aktuell 25

Prävention braucht Forschung

Interview mit Dr. Stephan Fasshauer

Nach einem Jahr in seinem Amt blicken wir mit Dr. Stephan Fasshauer, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV), auf die aktuellen Herausforderungen.

Wie fällt Ihr Fazit nach knapp einem Jahr als Hauptgeschäftsführer der DGUV aus?
Dr. Stephan Fasshauer: Bislang hatte ich noch keine Zeit, darüber intensiver nachzudenken. Die Vielfalt der Themen und Aufgaben ist so groß, dass bisher kaum Gelegenheit bestand, innezuhalten und ein erstes Fazit zu ziehen.

In den vergangenen Monaten sind mir dennoch bereits einige bemerkenswerte Aspekte aufgefallen: Da ist zum einen die hohe fachliche Kompetenz innerhalb der DGUV und der gesamten gesetzlichen Unfallversicherung. Zum anderen beeindruckt mich, wie stark sich die Beschäftigten mit der Idee der Unfallversicherung identifizieren. Das beginnt am Empfang und reicht über die Sachbearbeitung und das Reha-Management bis hin zu den Geschäftsführungen der Unfallversicherungsträger sowie den Leitungen unserer Institute und weiteren Einrichtungen.

Mein erstes Fazit lautet daher: Ich bin beeindruckt und sehr dankbar, dass mir die Verantwortung als Hauptgeschäftsführer übertragen wurde.

Prävention, Rehabilitation und Entschädigung aus einer Hand ist das Ziel der Unfallversicherungsträger. Wie ordnen Sie die Aufgaben der Forschungsinstitute dabei ein?
Dr. Stephan Fasshauer: Die rechtliche Grundlage unserer Forschung bildet der im Siebten Buch Sozialgesetzbuch (SGB VII) verankerte Auftrag an die gesetzliche Unfallversicherung, eigene Forschung zu betreiben. Für mich ist die Forschung der DGUV Institute eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass wir unser Ziel, Prävention, Rehabilitation und Entschädigung aus einer Hand überhaupt erreichen können. Eine belastbare wissenschaftliche Fundierung ist aus meiner Sicht die Grundlage für die erfolgreiche und effiziente Etablierung unserer Maßnahmen und Leistungen.

Die Forschungsinstitute sind daher ein elementarer Bestandteil unseres Handelns und unseres Selbstverständnisses. Wir können stolz darauf sein, dass wir sie haben, auch mit ihren unterschiedlichen Ausrichtungen und den sich ergänzenden Forschungsansätzen. So ist das Institut für Arbeitsschutz der DGUV (IFA) eher technisch-wissenschaftlich ausgerichtet, das IPA hingegen medizinisch-wissenschaftlich. Beide leisten einen wichtigen Beitrag zu dem, was die gesetzliche Unfallversicherung ausmacht.

Welche Bedeutung hat für Sie die Zusammenarbeit zwischen Forschungseinrichtungen wie dem IPA und den Unfallversicherungsträgern?
Dr. Stephan Fasshauer: Die wissenschaftlichen Erkenntnisse der Forschungsinstitute bilden eine wesentliche Grundlage für das tägliche Handeln der Unfallversicherungsträger. Sie tragen dazu bei, dass Prävention und kontinuierliche Qualitätssicherung, zum Beispiel im Bereich der Berufskrankheiten, auf einer wissenschaftlich fundierten Basis zum Nutzen der Versicherten und der Arbeitgeber erfolgen.

Effektive Prävention ist nur dann möglich, wenn wir verstehen, wie beruflich bedingte Krankheitsbilder entstehen und welche Faktoren sie beeinflussen. So können wir konkrete präventive Maßnahmen für die Unfallversicherungsträger ableiten. Genau hierfür brauchen wir ein Institut wie das IPA mit seiner international anerkannten medizinisch-wissenschaftlichen Expertise.

Mit Instrumenten wie der IPA-Biobank verfügen wir über wichtige Tools, um auch untersuchen zu können, welche Auswirkungen berufliche Stoffexpositionen und Arbeitsbedingungen haben können. Dadurch gewinnen wir Erkenntnisse, die unmittelbar in die Praxis einfließen können.

Deshalb ist diese Zusammenarbeit von IPA und den Unfallversicherungsträgern von wesentlicher Bedeutung. Sie ermöglicht es uns, Grundlagenforschung und praktische Anwendungen zusammenzudenken. Wir konzentrieren uns weder ausschließlich auf die Wissenschaft noch allein auf die Praxis, sondern verbinden beides miteinander. Genau das zeichnet uns innerhalb der Sozialversicherung aus.

Sie haben an anderer Stelle die Frage, „Was brauchen wir, um in einer Zeit des Wandels zu bestehen?“, wie folgt beantwortet: Innovationsgeist und den Mut zur Veränderung! Forschung ist für uns ein Synonym für Innovation. Wo sehen Sie die Schwerpunkte zukünftiger Forschung?

Dr. Stephan Fasshauer: Hier möchte ich zunächst noch einmal den Grundgedanken meines Zitats aufgreifen: Ein System ist nur dann stabil, wenn es anpassungsfähig ist. Dafür braucht es Mut und Innovationsgeist.

Die zukünftigen gesundheitlichen Risiken der Arbeits- und Bildungswelt werden generell durch sich zunehmend schneller verändernde und schwerer kalkulierbare Gefährdungen geprägt sein, für die auf Basis aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse adäquate und effektive Präventionsmaßnahmen etabliert beziehungsweise optimiert werden müssen.

Deshalb müssen wir auch bei den Forschungsschwerpunkten nach vorne schauen und innovative Ideen verfolgen. Natürlich können dabei Fehler passieren oder Forschungsprojekte nicht die erhofften Ergebnisse liefern. Entscheidend ist dann eine konstruktive Fehlerkultur. Wer aus Fehlern lernt, gewinnt Erkenntnisse. Schlimmer wäre es, Neues erst gar nicht zu versuchen.

Ein wichtiger zukünftiger Schwerpunkt ist – wie vermutlich nicht anders zu erwarten – die künstliche Intelligenz. Mit den großen Datenmengen und der hohen Datenqualität unserer Forschungsinstitute sind wir hervorragend aufgestellt, um vertrauenswürdige und praxisnahe KI-Anwendungen zu entwickeln und einzusetzen.

Ein zweites zentrales Thema ist die Resilienz. Je besser unsere Prävention ist, desto stärker tragen wir zur Krisenfestigkeit der Gesellschaft bei. Gerade angesichts globaler Krisen und des Wandels der Arbeitswelt gewinnt die Frage an Bedeutung, wie Menschen mit Veränderungen und Unsicherheiten umgehen können.

Selbstverständlich dürfen wir klassische Forschungsthemen nicht aus dem Blick verlieren. Gefährdungen durch Gefahrstoffe werden auch in Zukunft eine große Rolle spielen. Durch die Vielzahl technischer Innovationen und ständig neuer Produkte kommen am Arbeitsplatz fortlaufend neue Gefahr- und Ersatzstoffe zum Einsatz, deren gesundheitsgefährdendes Potenzial nicht unmittelbar beurteilt werden kann.

Eine besondere Herausforderung stellen dabei gleichzeitig auftretende Expositionen gegenüber mehreren Gefahrstoffen dar. Wichtige Forschungsschwerpunkte sind zudem der Einsatz von Biomarkern für die Früherkennung beruflich bedingter Krebserkrankungen, Allergien, vektorübertragener Infektionskrankheiten sowie entzündlicher Prozesse.

Im Wandel der Arbeits- und Bildungswelt gewinnen auch vulnerable Personengruppen wie ältere Beschäftigte sowie Menschen mit Allergien oder Asthma, zunehmend an Bedeutung für den Arbeits- und Gesundheitsschutz.

Sie sehen: Es gibt nicht den einen Forschungsschwerpunkt, sondern wichtig ist die Orchestrierung der einzelnen, für sich wichtigen Forschungsschwerpunkte.

Angesichts knapper werdender finanzieller Ressourcen: Würden Sie der Forschung auch zukünftig den Stellenwert einräumen, den sie heute hat?
Dr. Stephan Fasshauer: Ja, auf jeden Fall. Entscheidend ist jedoch, dass wir sehr bewusst damit umgehen, wie wir unsere Ressourcen in der Forschung einsetzen. Forschung muss bedarfsorientiert sein. Zugleich sollten wir prüfen, mit welchen technischen Hilfsmitteln wir Ergebnisse effizienter erzielen können. Dazu gehört auch die Frage, welche Daten bei den Unfallversicherungsträgern bereits vorhanden sind und nicht erneut erhoben werden müssen, sondern besser aufbereitet und nutzbar gemacht werden können.

Wir müssen Forschung künftig ressourcenorientierter denken. Neben finanziellen Aspekten spielen auch der demografische Wandel und der zunehmende Fachkräftemangel eine wichtige Rolle. Deshalb brauchen wir „intelligente“ Forschung, die vorhandenes Wissen, Daten und Kompetenzen gezielt nutzt.

Dabei ist der Wissenstransfer vor dem Hintergrund des Generationenwechsels eine wichtige Aufgabe, damit das über Jahre aufgebaute Wissen nicht verloren geht.

Nicht zu vergessen ist die Qualitätssicherung. Sie ist in der Forschung bereits heute selbstverständlich, wird aber im Zuge der Digitalisierung und des Einsatzes von KI weiter an Bedeutung gewinnen. Wir brauchen belastbare Ergebnisse, weil unsere Forschung anwendungsbezogen ist und konkrete Wirkung für die Prävention entfalten soll. Gerade deshalb darf sie keine falschen Botschaften senden. Eine hohe Qualitätssicherung ist dafür unverzichtbar.

Wie kann die gesetzliche Unfallversicherung für die Erfüllung ihrer Aufgaben Innovationen wie die Künstliche Intelligenz sinnvoll für Prävention, Diagnostik und Rehabilitation nutzen?
Dr. Stephan Fasshauer: Ich bin fest davon überzeugt, dass wir aufgrund unserer sehr guten Datenlage Künstliche Intelligenz in Prävention, Diagnostik und Rehabilitation gewinnbringend einsetzen können.

Wichtig ist dabei, dass wir systematisch vorgehen und nicht zu viel auf einmal wollen. Innovationen müssen am Ende einen echten Nutzen für Versicherte und Beitragszahlende schaffen. Natürlich wird nicht jede Anwendung sofort erfolgreich sein. Entscheidend ist, dass wir aus Erfahrungen lernen und unsere Ansätze kontinuierlich weiterentwickeln.

Gerade vor dem Hintergrund begrenzter Ressourcen bietet KI ein voraussichtlich großes Potenzial. Im Arbeitsschutz können vorhandene Daten beispielsweise dabei helfen, gezielt zu erkennen, wo Betriebsbesichtigungen besonders sinnvoll sind. Auch in der Rehabilitation ermöglichen Datenanalysen bereits heute bessere Prognosen zum Verlauf von Reha-Maßnahmen und zur Wiedereingliederung in das Berufsleben. Erste Pilotprojekte bei Berufsgenossenschaften zeigen hier vielversprechende Ergebnisse.

Ähnliches gilt für die Diagnostik. Die Arbeit des IPA hat gezeigt, dass moderne Datenanalysen dazu beitragen können, Erkrankungen früher zu erkennen und Diagnosen schneller zu stellen. Solche Fortschritte sind nur möglich, wenn wir innovationsoffen sind und unsere Daten verantwortungsvoll nutzen.

Künstliche Intelligenz wird uns dabei unterstützen – vorausgesetzt, wir setzen sie gezielt und verantwortungsvoll ein. Sie muss ein Werkzeug bleiben, das wir steuern, nicht umgekehrt.

Welche Rolle spielen große Datenquellen und Kohortenstudien für evidenzbasierte Entscheidungen in der Unfallversicherung?
Dr. Stephan Fasshauer: Um die großen verfügbaren Datenmengen für eine effektive Nutzung zusammenzuführen, ist es nur folgerichtig, ein Forschungsdatenzentrum einzurichten. Die Bedeutung solcher Strukturen wird auch durch die European Health Data Space Regulation (EHDS) unterstrichen, die die Nutzung von Gesundheitsdaten für Forschung, Innovation und evidenzbasierte Entscheidungen fördern soll.

In anderen Bereichen der Sozialversicherung bestehen bereits Einrichtungen, die erfolgreich mit umfangreichen Datenbeständen arbeiten.

Ein Forschungsdatenzentrum wird auch unsere Forschung deutlich erleichtern, da es eine qualitätsgesicherte und hochwertige Aufbereitung der Daten ermöglicht. Das IPA verfügt hierfür bereits über eine große Expertise, insbesondere im Umgang mit Gesundheitsdaten.

Wie kann Forschung dazu beitragen, auf neue Herausforderungen wie zum Beispiel den Klimawandel und veränderte Arbeitswelten angemessen zu reagieren?
Dr. Stephan Fasshauer: Forschung ist gerade in diesen Themen angesichts der aktuellen Herausforderungen wichtiger denn je. Gleichzeitig erleben wir jedoch, wie die Forschung international zum Teil unter Druck gerät. Für mich stellt die Wissenschaftsfreiheit ein Kernelement unserer demokratischen Gesellschaft dar, das es zu verteidigen gilt. Sie darf weder instrumentalisiert noch eingeschränkt werden.

Der Klimawandel wirkt sich zunehmend auch auf die Arbeitswelt aus und erhöht unter anderem das Risiko für Allergien, vektorübertragene Infektionskrankheiten, Hautkrebs sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Um geeignete Präventionsmaßnahmen zu entwickeln und umsetzen zu können, braucht es die Forschung. Sie bildet die Grundlage dafür, die Auswirkungen des Klimawandels auf die Arbeitswelt zu verstehen und die richtigen Schlussfolgerungen für den Schutz von Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit zu ziehen.

Ein weiterer wichtiger Aspekt für die arbeitsmedizinische Forschung sind die möglichen Auswirkungen von Präventionsmaßnahmen am Arbeitsplatz. Insbesondere bei Maßnahmen zur Minimierung gefahrstoffbezogener Risiken können unerwünschte Nebenwirkungen auftreten, die wissenschaftlich bewertet werden müssen.

Beispiele gibt es genug. So werden unter anderem krebserzeugende Gefahrstoffe mitunter durch Stoffe ersetzt, die auf den ersten Blick weniger kritisch erscheinen, jedoch andere gesundheitliche Risiken wie reproduktionstoxische Wirkungen, mit sich bringen können. Auch arbeitsschutztechnische Maßnahmen können Risiken in einem Bereich verringern, gleichzeitig aber zu neuen Belastungen an anderer Stelle führen.

Ein anschauliches Beispiel ist die Zerlegung von Kampfmittelaltlasten aus dem Zweiten Weltkrieg. Durch neue technische Verfahren konnte zwar die Explosionsgefahr reduziert werden. Gleichzeitig führen diese Verfahren jedoch dazu, dass Beschäftigte vermehrt den als krebserregend verdächtigen Gefahrstoff TNT aufnehmen. In diesem Fall kann die Exposition dank des Human-Biomonitorings des IPA erfasst werden. Auf dieser Grundlage können weitere gezielte Präventionsmaßnahmen entwickelt und umgesetzt werden.

Wenn Sie in die Zukunft blicken, welche Rolle soll Forschung in der gesetzlichen Unfallversicherung in fünf bis zehn Jahren spielen?
Dr. Stephan Fasshauer: Die Forschung war, ist und muss auch in Zukunft ein hohes Gut für die gesetzliche Unfallversicherung sein. Sie ist ein unverzichtbarer Bestandteil unseres Systems, den man weder herauslösen kann noch sollte, weil sie eine wichtige Basis für effektives und effizientes Handeln schafft.

Ich bin überzeugt, dass die Forschung für die Unfallversicherung auch zukünftig mindestens die gleich hohe Bedeutung haben wird wie heute.

Sie ist die Grundlage für eine wirksame Prävention, eine erfolgreiche Rehabilitation und die kontinuierliche Qualitätssicherung, insbesondere im Bereich der Berufskrankheiten.

Diese langfristige Wirkung kann nur entfaltet werden, wenn unser Handeln wissenschaftlich fundiert ist.

 

Das Interview führten Prof. Dr. Thomas Brüning und Dr. Monika Zaghow