abgeschlossen
Die Branche der Schnelllieferdienste hat in den letzten Jahren erheblich an Bedeutung gewonnen. Getrieben durch veränderte Konsumgewohnheiten, insbesondere während der COVID-19-Pandemie, hat sich das Geschäftsmodell der sogenannten "Quick Commerce"-Dienste rasant entwickelt. Die Beschäftigten in diesem Sektor sind häufig hohen physischen und psychischen Belastungen ausgesetzt. Die Fahrerinnen und Fahrer stehen unter erheblichem Zeitdruck, um Bestellungen innerhalb kürzester Zeit auszuliefern. Hinzu kommen Unfallgefahren im Straßenverkehr, die ständige Exposition gegenüber dem Straßenlärm sowie physische Belastungen durch Vibrationseinwirkungen, UV-Strahlung und körperlich anstrengende Tätigkeiten.
Trotz der zunehmenden öffentlichen und wissenschaftlichen Aufmerksamkeit für das Thema fehlt bislang eine Übersichtsarbeit zu den Arbeitsbedingungen in der Branche der Schnelllieferdienste.
Im vorgestellten Projekt wurde daher zunächst eine orientierende Literaturrecherche durchgeführt, um die vorhandene wissenschaftliche und graue Literatur zum Thema Sicherheit und Gesundheit der Beschäftigten bei Schnelllieferdiensten zu identifizieren und einen ersten Überblick über zentrale Themenfelder (z. B. Verkehrsverhalten, Muskel-Skelett-Belastung) zu erhalten. Die Ergebnisse dienen zukünftig als Grundlage für weiterführende Forschungsaktivitäten zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen bei Schnelllieferdiensten, die u. a. unter Beteiligung des IFA durchgeführt werden können und sich auf jene Bereiche konzentrieren, in denen in der Recherche ein besonderer Forschungsbedarf identifiziert wurde.
Es wurde eine unsystematische Literaturrecherche mit verschiedenen Synonymen des Begriffs Schnelllieferdienste (z. B. Quick Commerce, Fast Delivery) in nationalen und internationalen wissenschaftlichen Datenbanken durchgeführt. Aufbauend auf diesen Ergebnissen wurden die Themen, zu denen ausreichend wissenschaftliche Literatur vorliegt, systematisch weiterbearbeitet. Dies erfolgte durch die Verwendung zusätzlicher Suchbegriffe zu spezifischen Belastungsfaktoren (z. B. Unfallrisiken, physische/psychische Belastungen), um die Ergebnisse gezielt einzugrenzen. Der Suchzeitraum wurde so gewählt, dass sowohl aktuelle Entwicklungen als auch längerfristige Trends erfasst werden konnten. Die Auswahl der Literatur erfolgte nach dem PRISMA-Schema. In einem ersten Schritt wurden die Titel gesichtet, um relevante Publikationen zu identifizieren. Im zweiten Schritt wurde anhand der Abstracts eine Auswahl von Publikationen getroffen, deren Volltexte gesichtet und deren Ergebnisse analysiert und zusammengefasst wurden.
Die Auswahl der Literatur erfolgte nach zuvor festgelegten Kriterien. So wurden z. B. nur deutsch- und englischsprachige Artikel berücksichtigt. Neben peer-reviewten Studien wurde auch graue Literatur in die Analyse einbezogen, um ein möglichst vollständiges Bild des Forschungsstandes zu erhalten. Publikationen zu verschiedenen Fahrzeugtypen (Fahrrad, Moped, Auto) wurden einbezogen, während hinsichtlich der Art der gelieferten Produkte (z. B. Lebensmittel, Mahlzeiten, Apothekenprodukte) keine Einschränkung erfolgte. Die gesichtete Literatur wurde thematisch geclustert, um zentrale Forschungsschwerpunkte zu identifizieren. Die Ergebnisse werden national und international publiziert.
Die zunächst unsystematische Recherche erzielte umfangreiche Ergebnisse, weshalb anschließend ein systematisches Scoping Review durchgeführt wurde. Insgesamt wurden 4 488 Publikationen identifiziert, von denen 143 in das Review eingeschlossen wurden. Gründe für den Ausschluss von Studien waren unter anderem Duplikate, eine ungeeignete Population sowie ein fehlender Bezug zur Sicherheit und Gesundheit. Die meisten eingeschlossenen Studien haben ihren Ursprung in Asien (n = 79) und Europa (n = 37). Hinsichtlich der genutzten Verkehrsmittel dominieren Studien zu Ridern mit Motorrädern (n = 78), Fahrrädern (n = 60) und E‑Bikes (n = 39). Für die Datensynthese wurden die Studien in sieben Kategorien einsortiert (Mehrfachzuordnung möglich): Verkehrssicherheit (n = 63), Arbeitsbedingungen (n = 57), Psychische Belastung (n = 53), Plattformsteuerung und Kontrolle (n = 38), Physische Belastung (n = 33), Arbeitsschutz (n = 23) und Covid-19 (n = 16). Die Ergebnisse zeigen, dass Rider im Schnelllieferdienst überwiegend jung, männlich und häufig migrantischer Herkunft sind. Die Arbeitsbedingungen sind geprägt von langen Arbeitszeiten sowie niedrigen und schwankenden Einkommen. Die algorithmische Steuerung über Apps bestimmt die Auftragsvergabe und setzt Leistungskennzahlen, bleibt für Rider aber intransparent.
In Bezug auf die psychische Belastung wurden 27 Belastungsfaktoren identifiziert, darunter Zeitdruck, belastende Kundeninteraktionen und Arbeitsunsicherheit. Entsprechend häufig treten Stress, Erschöpfung und Angststörungen auf. Physische Belastungen entstehen unter anderem durch Wetterextreme, schlechte Straßenbedingungen und Abgase. Infolge der körperlichen Tätigkeit klagen bis zu 75 % über Muskel-Skelett-Beschwerden, insbesondere im Rücken (22 - 73 %) und Handgelenk (26 - 90 %). Zudem zeigt sich ein hohes Maß an riskantem Fahrverhalten, wie z. B. Rotlichtverstöße oder Smartphone-Nutzung.
Im Arbeitsschutz sind die Bereitstellung und Nutzung von persönlicher Schutzausrüstung vielerorts unzureichend. Ein insgesamt schwaches Sicherheitsklima erschwert zudem die Umsetzung von Schutzmaßnahmen. Die COVID 19-Pandemie verstärkte bestehende Belastungen, zeigte jedoch zugleich, dass Plattformen grundsätzlich in der Lage sind, sicherheitsrelevante Informationen effektiv zu vermitteln.
Insgesamt zeigt das Scoping Review, dass Rider im Schnelllieferdienst vielen physischen und psychischen Belastungen ausgesetzt sind, die vor allem strukturell bedingt sind. Während die Arbeitsbedingungen gut beschrieben sind, bestehen Forschungsbedarfe im Bereich des Arbeitsschutzes sowie bei der Analyse physischer Belastungen von Fahrrad‑ und E‑Bike‑Ridern. Um die Sicherheit und Gesundheit der Rider zu verbessern, sind mehrsprachige und zielgruppenorientierte Präventionskonzepte, transparente Arbeitsbedingungen und ein gestärktes Sicherheitsklima erforderlich.
Dienstleistungen
Gefährdungsart(en):Arbeitsbedingte Erkrankungen, Arbeitsbedingte Gesundheitsgefahren, ungünstige Arbeitsumgebung
Schlagworte:Arbeitsplatzgestaltung, Belastung, Gesundheits- und Sicherheitsmanagement
Weitere Schlagworte zum Projekt:Literaturrecherche, Kurierfahrer, Schnelllieferdienste, Sicherheit, Gesundheit, physisch, psychisch