Interview mit Manuela Schmermund

"Wir müssen in die Mitte der Gesellschaft"

Schmermund in Aktion

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Manuela Schmermund in Aktion
Bild: Olaf Lenker

Manuela Schmermund bei Kliniktour

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Manuela Schmermund bei Kliniktour
Bild: Christian Irrgang

Manuela Schmermund ist Sportschützin und Aktivensprecherin der paralympischen Athletinnen und Athleten in Deutschland. Ein Gespräch über Sport und Inklusion.

Frau Schmermund, was sind Ihre Aufgaben als Vertreterin der paralympischen Sportlerinnen und Sportler?

Ich vertrete die Interessen der Athletinnen und Athleten des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS) im Bereich des Leistungssports in verschiedenen Gremien des DBS. Wir sprechen zum Beispiel über die Rahmenbedingungen und Qualifikationskriterien für die Teilnahme an den paralympischen Spielen. Oder es geht um die Zusammenarbeit mit dem Olympischen Sportbund (DOSB), die übrigens sehr konstruktiv und inklusiv ist. Es gibt einen engen Austausch bei Themen wie der Antidoping-Gesetzgebung oder zur Frage dualer Karrieren im Sport.

Sportlerinnen und Sportlern mit Behinderung bekommen immer noch eine geringere finanzielle Unterstützung als ihre Kolleginnen und Kollegen ohne Behinderung.

Ja, das stimmt. In der Grundförderung gibt es immer noch Unterschiede. Da stellen sich manche auf den Standpunkt, Menschen mit Behinderung bekämen ja schon Förderung aus anderen Töpfen. Ihr Sport ist aber häufig auch sehr teuer, so ein Monoski zum Beispiel kostet mehr als ein normaler Ski. Aber es gibt auch Bewegung: Im vergangenen Jahr hat die Sporthilfe die Medaillenprämien beider Gruppen vereinheitlicht. Eine insgesamt optimale Lösung ist noch nicht gefunden, aber die gesamte Förderstruktur im Leistungssport wird im Moment überdacht.

Sie sind Sportschützin und trainieren auch gemeinsam mit Sportlerinnen und Sportlern ohne Behinderung. Ist der Sport für Sie eine gute Brücke für Inklusion?

Ja, meine Sportart war da Vorreiter. Das mag aber auch daran liegen, dass sie sich sehr gut eignet, um gemeinsame Regelungen zu entwickeln.
Aber generell, gerade auch auf der Ebene der Vereine und Gruppen im Breitensport, ist Sport für mich ein ideales Medium, um Menschen zusammen zu bringen, die zunächst wenig Berührungspunkte haben. Das gilt nicht nur für Menschen mit und ohne Behinderung, sondern auch für andere gesellschaftliche Gruppen. Sport senkt die Hemmschwelle, sich zu begegnen. Man lernt spielerisch voneinander, Nachteile Einzelner werden ausgeglichen, um gemeinsam Spaß zu haben oder ein Ziel zu erreichen. Sport ist für mich ein ganz hochwertiges Gut in der Begleitung gesellschaftlicher Prozesse.

Die Bundesregierung arbeitet daran, die Forderungen der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung auch in Deutschland gesetzlich umzusetzen. Wie beurteilen Sie die Entwicklung der letzten Jahre?

Es hat sich ohne Zweifel etwas bewegt. Bei den aktuellen Bemühungen sehe ich auch manchmal die Gefahr, dass wir Inklusion überreglementieren. Verordnungen allein ändern nicht das Verhalten der Menschen. Ich würde mir deshalb wünschen, dass die Gesellschaft mehr Mut hat, Dinge auszuprobieren. Es gibt so viele aktive Menschen mit Einschränkungen. Man muss ihnen auch den Raum geben und sie aktiv sinnvoll fördern. Leider erlebt man aber auch immer wieder Behinderungen, die aus meiner Sicht ziemlich einfach und ohne größeren Aufwand behoben werden könnten.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Gerne. Nehmen wir den Wohnungsmarkt. Ich zum Beispiel bin querschnittgelähmt und damit auf barrierefreie Wohnungen angewiesen. Eine solche Wohnung im städtischen und ländlichen Raum auf dem freien Markt zu bekommen, grenzt an eine Unmöglichkeit. Die meisten Angebote laufen über die behördliche Vermittlung des sozialen Wohnungsbaus. Diese Wohnungen bekomme ich aber nicht, weil ich dafür zu viel verdiene. Da bleiben die Wohnungen eher leer stehen.
Noch ein weiteres Beispiel für alltägliche Behinderung: Ich kann nirgendwo spontan hingehen. Ich muss immer vorher recherchieren: Gibt es dort einen barrierefreien Eingang, eine barrierefreie Toilette – ganz grundlegende Dinge.

Mit dem "Tag ohne Grenzen" wollen die gesetzliche Unfallversicherung und ihr Klinikverbund KUV dazu beizutragen, Berührungsängste abzubauen. Erleben Sie solche Ängste?

Ich erlebe beides: Ängstliche Zurückhaltung mir gegenüber, aber auch respektvolle Ansprache. Aber von einem selbstverständlichen Miteinander sind wir immer noch weit entfernt, denke ich. Eine Veranstaltung wie der "Tag ohne Grenzen" macht es da genau richtig: Er geht in die Öffentlichkeit, sucht die Mitte der Gesellschaft. Und genau da müssen wir hin. Wir müssen die Menschen konfrontieren und zwar dort, wo das Leben spielt: mittendrin. Begegnungen müssen ermöglicht werden, je häufiger und je früher, desto besser. Inklusion ist ein langer Weg und jede Aktion, die diesen Weg ebnet, bringt uns ein Stück voran.