• David Lebuser
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Gemeinsam was ins Rollen bringen - eine Aktion des Deutschen Rollstuhl-Sportverbandes u.a. mit David Lebuser.

Mal richtig Gas geben

Interview mit David Lebuser

David Lebuser ist Extremsportler - und er sitzt im Rollstuhl. Lebuser ist Deutschlands bester Wheelchair-Skater. Das heißt, er stürzt sich in Halfpipes und schlittert mit seinem Rollstuhl auch schon mal über Geländer. 2014 hat er mit diesem Actionsport in den USA den ersten Platz der WCMX World Championships gewonnen. Lebuser ist aber nicht nur ein begeisterter Sportler. Er will auch die Mobilität und damit die Lebensqualität von Menschen im Rollstuhl verbessern. Dafür wirbt er auf dem „Tag ohne Grenzen“ am 05. und 06. Juni in Hamburg.

Herr Lebuser, mit 21 Jahren sind sie verunglückt und erlitten eine Querschnittlähmung. Welches Bild hatten Sie damals von Menschen im Rollstuhl?

Bis dahin hatte ich eigentlich nur alte Menschen gesehen, die durch die Straßen geschoben wurden. Es war ein krasses Bild von Hilflosigkeit. Aber ich hatte Glück im Unglück. Während ich 2008 im Krankenhaus lag, liefen im Fernsehen die Paralympischen Spiele in Peking. Ich war sofort begeistert und wollte unbedingt Rollstuhl-Basketball spielen.

Sind Sie in der Rehabilitation mit Sport in Berührung gekommen?

Ich habe in der Reha ein sehr gutes Rollstuhltraining bekommen. Und dann habe ich ein Video von Aaron Fotheringham gesehen. Das ist weltweit der einzige Rolliskater, der einen doppelten „backflip“, also einen doppelten Rückwärtssalto, macht. Noch in der Reha bin ich dann zu einem Skatepark gefahren. Das war ziemlich unvernünftig und klar bin ich gestürzt. Aber es hat sich gut angefühlt, auch wieder Blödsinn machen zu können, wenn ich das will.

Sie hatten eigentlich eine Ausbildung als Maler und Lackierer gemacht. Wie ging es für Sie nach der Reha weiter?

Ich war schon vor dem Unfall nicht glücklich mit dem Beruf. Nach der Reha habe ich dann eine Umschulung zum Informatikkaufmann gemacht und die auch gut abgeschlossen. Der Sport, das war damals noch Skaten und Rollstuhl-Basketball, lief immer parallel. 2010 sind auch schon die ersten Youtube-Videos vom Skaten entstanden. Es hat sich aber schnell gezeigt, dass normale Rollstühle die Belastung nicht aushalten. Die Reparaturen wurden immer teurer. Ich dachte, ich müsste aufhören mit dem Sport, aber dann hat mir ein Hersteller einen speziell für mich gebauten Rollstuhl gesponsert.

Haben Sie andere Wheelchair-.Skater in Deutschland getroffen?

Kaum, ich war oft der einzige Skater mit Rollstuhl im Skatepark. Das war auch nie ein Problem. Trotzdem war es natürlich super, als ich dann auf einer Reise in den USA auf die große Rolliskater-Szene dort gestoßen bin. Ich habe da von den anderen in zwei Tagen mehr gelernt als in einem Jahr zu Hause. 2012 habe ich in Venice Beach zum ersten Mal an den WCMX Championships teilgenommen und dort den fünften Platz gemacht. Das war ein toller Erfolg. Nach diesen Erfahrungen wollte ich unbedingt etwas von meiner Begeisterung nach Deutschland bringen.

Haben Sie deshalb begonnen, Skate-Kurse für Rollstuhlfahrer anzubieten?

Ja, genau. Das war aber gar nicht so einfach. Die Skatepark-Besitzer fanden das zu gefährlich. Zum Glück habe ich dann zufällig jemanden vom Deutschen Rollstuhl-Sportverband kennen gelernt. Der hat mir angeboten, das gemeinsam anzugehen. Zuerst war ich ehrlich gesagt skeptisch: Ich als Skater und dann ein Verband? Aber es hat super geklappt. Am 5. Mai, dem Aktionstag für Inklusion, haben wir 2013 den ersten Workshop in Hamburg angeboten. Es kamen 35 Rollifahrer, ein voller Erfolg. Inzwischen biete ich fast monatlich einen Workshop an. Die Resonanz ist immer noch gut.

Wer kommt denn zu den Workshops? Es wollen doch sicher nicht alle Profi-Skater werden?

Nein, das ist auch nicht das Ziel. Zu den Kursen kommen natürlich viele Jugendliche, aber nicht nur. Die Gruppen sind gemischt, auch viele Frauen sind dabei. Bei den Kursen geht es vor allem darum, den Umgang mit dem Rollstuhl zu verbessern und die eigenen Grenzen austesten. Einem ängstlichen Typ reicht es vielleicht schon zu merken, dass sein Rollstuhl gar nicht so schnell kippt. Andere genießen es, mal richtig Gas geben zu können. Und für Kinder ist es einfach eine Möglichkeit, sich auszutoben.

Haben Sie selbst manchmal noch Angst?

Ja, klar. Angst ist wichtig, um Risiken abschätzen zu können. Als ich das erste Mal oben in der vier Meter hohen Halfpipe war, habe ich mich nicht getraut, runter zu fahren. Aber irgendwann hat es geklappt. Diese Entwicklung gibt einem ein gutes Gefühl.

Sie sind sehr präsent auf Youtube und in anderen sozialen Medien. Welche Reaktionen bekommen Sie auf Ihren Sport.

Das ist sehr gemischt. Die Fußgänger-Skateboarder finden das, was ich mache, in der Regel ziemlich cool. Die Rollifahrer sind geteilt: Die einen finden es total verrückt, die anderen super. Das bildet eigentlich eins zu eins die gemischten Ansichten der Gesellschaft zu den „normalen“ Skateboardern ab.

In Ihren Kursen vermitteln Sie ja nicht nur Fahrtechnik, sondern Selbständigkeit und Unabhängigkeit. Ärgert sie das Bild, das die Gesellschaft vielfach noch von vermeintlich hilfsbedürftigen Menschen mit Behinderung hat?

Ich würde gerne dazu beitragen, dieses Bild zu verändern. Menschen mit Behinderung werden immer noch häufig unterschätzt. Inklusion bedeutet für mich aber, dass wir alle als gleichwertig akzeptiert werden. Um das zu verwirklichen, müssen die Dinge Hand in Hand gehen: Die Menschen mit Behinderung müssen den Mut haben zu mehr Selbstbestimmung und die Gesellschaft muss die verschiedenen Bedarfe der Menschen anerkennen. Ganz praktisch heißt das zum Beispiel: Lieber mal fragen, ob jemand Hilfe braucht und nicht einfach den Rollstuhl über die Straße schieben.

Welche Rolle hat der Sport für das Thema Inklusion?

Sport ist für mich einfach eine sehr gute Brücke. Er schafft positive und emotionale Erlebnisse. Auf einer Publikumsveranstaltung wie dem „Tag ohne Grenzen“ können sich auch Fußgänger mal in einen Rolli setzen und ausprobieren, wie das ist. Vielleicht erleben sie dann: Hey, damit zu fahren, kann sogar Spaß machen. Dass man zusammen Spaß haben kann, ist wichtig.

Was sind Ihre nächsten Pläne für die Zukunft?

Ein großes sportliches Highlight in diesem Jahr sind die ersten offiziellen Weltmeisterschaften im Wheelchair-Skaten. Sie finden in Texas statt. Beruflich bin ich im Moment sehr zufrieden. Ich arbeite als Rehaberater für ein Unternehmen, das Kinder und Jugendliche mit Rollstühlen versorgt. Meine Skate-Kurse würde ich auch gerne in Schulen anbieten. Aber da arbeiten wir noch an einem Konzept. Es muss alles sicher sein, trotzdem will ich natürlich meinem Ruf gerecht werden und Action bieten.


David Lebuser

Foto: Wittmershaus, DRS

David Lebuser

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