"Jeder kann mitmachen"

Portrait Verena Bentele

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Verena Bentele
Bild: Tom Maelsa

Verena Bentele ist Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen. In dieser Funktion nimmt sie Einfluss auf politische Entscheidungen und begleitet aktiv die Gesetzgebung. Vor Ihrer politischen Karriere war Bentele als blinde Biathletin und Skilangläuferin, vierfache Weltmeisterin und zwölffache Paralympics-Siegerin.

Frau Bentele, Sie blicken auf eine sehr erfolgreiche sportliche Karriere zurück. Auf welche Weise helfen Ihnen diese Erfahrungen in ihrem politischen Amt?

Als Sportlerin bin ich es gewöhnt, mir feste Ziele zu stecken und auf diese hinzuarbeiten. In der Zusammenarbeit mit vielen unterschiedlichen Akteuren helfen mir sicherlich meine Erfahrungen als Teamplayer. Ausdauer und ein langer Atem sind auch im Politikbetrieb nützliche Eigenschaften. Und nicht zuletzt sind auch meine eigenen Erfahrungen als Mensch mit Behinderung wichtig, um authentisch zu sein.

Welche Themen sind Ihnen besonders wichtig, wo setzen Sie Schwerpunkte?

Ich setze mich mit Nachdruck dafür ein, dass die Belange von Menschen mit Behinderung überall selbstverständlich mitgedacht werden, von Anfang an. Oder anders: Ich möchte, dass wir auf dem Weg zu einer inklusiven Gesellschaft ein gutes Stück weiterkommen. Ein wichtiger Punkt ist hier das neue Bundesteilhabegesetz, das noch in dieser Legislaturperiode kommen soll. Ein selbstbestimmtes Leben ist für Menschen mit Behinderung nur möglich, wenn sie genau die Unterstützung bekommen, die sie benötigen. Und dies in jeder Lebenslage, unabhängig davon, wo und wie sie wohnen, arbeiten oder ihre Freizeit verbringen. Um wirklich teilhaben zu können ist auch die Abschaffung der Einkommens- und Vermögensgrenze zentral. Im Moment können Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf nie mehr als 2600 Euro ihres Einkommens oder Vermögens ansparen. Das empfinde ich als Diskriminierung der Betroffenen.
Ganz entscheidend ist für mich, dass bestehende Barrieren in den Köpfen eingerissen werden. Der Umgang mit behinderten Menschen ist für viele Menschen ohne Behinderung nach wie vor keine Normalität und von Vorurteilen geprägt. Hier muss sich noch eine Menge ändern.

Die gesetzliche Unfallversicherung engagiert sich mit ihrem Aktionsplan für die Umsetzung der UN-BRK. Eine Veranstaltung wie der Tag ohne Grenzen ist da ein gutes Beispiel. Ein großer Aktionstag für den Reha- und Behindertensport, mitten in Hamburg, soll dazu beitragen, Berührungsängste und Barrieren abzubauen.

Große Organisationen haben eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung und eine Vorbildfunktion. Deswegen begrüße ich das Engagement der DGUV sehr. Mit ihrem Aktionsplan hat sie unternehmensintern ein wichtiges Zeichen gesetzt. Wichtig ist aber auch die Wirkung in die Öffentlichkeit hinein. Veranstaltungen wie der "Tag ohne Grenzen" erzeugen die nötige Aufmerksamkeit für das Thema Inklusion. Mir als Sportlerin gefällt natürlich das Thema des Aktionstages besonders gut. Sport bietet Möglichkeiten für Begegnungen von Menschen mit und ohne Behinderung. Jeder kann mitmachen, genau diese Botschaft ist für eine inklusive Gesellschaft zentral. Sport hilft nach meiner Erfahrung, Barrieren zu überwinden und Vorbehalte abzubauen.

Wo steht Deutschland heute bei der Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention? Welche Aufgaben müssen noch angepackt werden?

Die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention ist ein Prozess, der ganz sicher noch einiges an Zeit erfordert. Gerade erst wurden die abschließenden Bemerkungen der Vereinten Nationen zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention in Deutschland veröffentlicht. Die UN mahnt darin einige Defizite an. Beispielsweise beim Thema Arbeitsmarkt: Die Arbeitslosenquote von Menschen mit Behinderung ist noch immer viel zu hoch, obwohl sie durchschnittlich genauso gut qualifiziert sind wie Menschen ohne Behinderung. Es gibt außerdem noch immer viel zu viele Werkstattbeschäftigte, die eigentlich auch gut qualifiziert wären für den ersten Arbeitsmarkt. Wir brauchen deswegen dringend bessere Maßnahmen, um den Übergang von der Werkstatt auf den ersten Arbeitsmarkt zu erleichtern! Oder schauen wir in den Bereich Bildung. Kinder mit und ohne Behinderung werden in den Schulen nach wie vor separiert. Wie soll sich aber eine inklusive Gesellschaft entwickeln, wenn unsere Kinder nicht von Beginn an gemeinsam aufwachsen und lernen?
Die Vereinten Nationen haben in einem 11-seitigen Papier die Defizite in der Umsetzung der Konvention in Deutschland dargestellt. Die Regierung hat jetzt also einen ganz klaren Auftrag und auch klare Themenfelder, in denen dringender Handlungsbedarf besteht. Unabhängig von der staatlichen Ebene brauchen wir aber auch ein gesellschaftliches Umdenken. Wir müssen endgültig weg vom Fürsorgegedanken. Menschen mit Behinderung sind keine Mitleidssubjekte, sie wollen selbstbestimmt leben so wie jeder und jeder andere auch.