Chemische Gefährdungen

PH3-Beutel stecken in einer Ladung Hühnermehl

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Plates zur PH3-Behandlung
Bild: Boris Klein, Bremerhaven

Originalverpackte Phospidmischung in Alu-Beutel

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Beutel mit Phosphidmischung
Bild: Hans-Peter Fröhlich, Berufsgenossenschaft Handel und Warendistribution

Mit Folie überklebte Lüftungsöffnungen

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Abgeklebte Lüftungsschlitze, Bild: Boris Klein, Bremerhaven

Minimal geöffnete Containertürist mit Lüftungskeil und zwei Schlauchleitungen

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Technische Lüftung eines Frachtcontainers mit Lüftungskeil
Bild: Hans-Peter Fröhlich, Berufsgenossenschaft Handel und Warenlogistik, Mannheim

Mit Frischlufthaube ausgerüsteter Mitarbeiter an offener Containertür

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Atemschutz (Frischlufthaube mit Luftfilter) bei der Entladung eines Frachtcontainers
Bild: Frank Hertel, Agrarservice, Wurzen

Begasungsmittel

Begasungsmittel sind giftige chemische Stoffe, die zur gezielten Bekämpfung von Schadorganismen in Gebäuden, Räumen und Frachtcontainern ausgebracht werden. Ihre Giftigkeit und ihre hohe Durchdringungsfähigkeit, selbst in Verpackungen und Waren, garantieren einen hohen Wirkungsgrad. Bei bestimmten Anwendungen werden dazu manchmal auch Kombinationen von Begasungsmitteln eingesetzt. Begasungsmittel müssen für jede ihrer Anwendungen zugelassen sein.

Die gängigsten Begasungsmittel sind Methylbromid, Sulfuryldifluorid, Cyanwasserstoff, Phosphorwasserstoff, Ethylenoxid und Formaldehyd. Welches Mittel eingesetzt wird, hängt vom gewünschten Bekämpfungsziel ab. Wird Holz als Verpackungs- und Transportmittel verwendet, wird meist Methylbromid als Begasungsmittel angewandt. Hiermit lassen sich Holzschädlinge und die meisten Schimmelpilze sehr gut bekämpfen. In Deutschland ist die Anwendung von Methylbromid fast vollständig verboten. Neben den oben genannten und in Deutschland zugelassenen Begasungsmitteln werden international noch Carbonylsulfid, Chlorpikrin und Schwefelkohlenstoff als Begasungsmittel oder Geruch gebender Bestandteil (Odorierungsmittel) eingesetzt. Diese Mittel sind in Deutschland nicht zugelassen.

In aller Regel können in Frachtcontainer eingebrachte Begasungsmittel nur durch kontrollierte Lüftung wieder entfernt werden. Da sie während der Begasungszeit tief in Hohlräume eindringen, also auch in Verpackungen und Waren, bedarf es bei dicht verklebten Frachtcontainern einer besonders sorgfältigen und gefahrlosen Lüftung.

Ein Teil der eingebrachten Begasungsmittel geht durch Undichtigkeiten des Frachtcontainers während des Transports verloren. Verklebte Lüftungsgitter und Dichtungslippen sollen Verluste verhindern. Beim Öffnen von gut abgedichteten Frachtcontainern können daher noch gefährlich hohe Begasungsmittelkonzentrationen vorliegen. Deshalb ist besondere Vorsicht geboten, wenn es Hinweise auf eine Begasung gibt!

Findet man beim Öffnen eines Frachtcontainers z. B. zwischen den Paletten kleine Blechdosen, dann wurde er höchstwahrscheinlich mit Methylbromid begast. Ein graues Pulver auf den Verpackungen oder dem Containerboden deutet auf Phosphorwasserstoff hin, und Cyanwasserstoff wird aus flachen, bräunlichen Tafeln freigesetzt, die ohne System im Frachtcontainer verstreut liegen können.

Die Begehung, der Weitertransport oder die Entladung eines begasten Frachtcontainers müssen von einer sachkundigen Begasungsfachperson mit Befähigungsschein freigegeben werden und darüber muss eine Freigabebescheinigung ausgestellt werden (Schutzmaßnahmen). Wenn Industriechemikalien festgestellt wurden und nach erfolgreicher Lüftung sehen die Gefahrstoffverordnung und die Technische Regel für Gefahrstoffe (TRGS) 512 "Begasungen" eine spezielle Freigabe nicht vor. Hinweise an den Empfänger sind jedoch sachdienlich für eine fachgerechte Gefährdungsbeurteilung bei der Entladung.

Industriechemikalien

Neben Begasungsmitteln können in Frachtcontainern weitere gasförmige Chemikalien in toxikologisch bedenklichen Konzentrationen nachgewiesen werden. Hierbei handelt es sich um chemische Stoffe, die überwiegend aus den transportierten Produkten stammen. Diese Stoffe werden allgemein auch als Industriechemikalien bezeichnet. Nachgewiesen wurden Ammoniak, Benzol, Butadien, 1,2-Dichlorethan, Kohlendioxid, Styrol, Schwefelwasserstoff, Toluol, Xylol, Aldehyde, Ester und Ketone.

Einige der gefundenen Stoffe treten gelegentlich in gesundheitsschädlichen Konzentrationen auf, einige davon besitzen ein Krebs erzeugendes Potenzial. Für die Gefährdungsbeurteilung von Tätigkeiten an und in Frachtcontainern darf daher das Augenmerk nicht ausschließlich auf eventuell vorhandene Begasungsmittel gerichtet werden.

Während begaste Frachtcontainer einer Kennzeichnungspflicht unterliegen, besteht eine solche Verpflichtung für andere gefährliche Inhaltsstoffe nicht. Zudem haben die restriktiven Begasungsvorschriften der Gefahrstoffverordnung einschließlich ihrer Konkretisierungen keinen Eingang in die TRGS 512 gefunden. Dennoch muss ein Arbeitgeber die Gefahrstoffverordnung beachten, da die betroffenen Beschäftigten allerlei stoffbedingten Gesundheitsgefahren ausgesetzt sein können. Da in Frachtcontainern jedoch Begasungsmittel und ausgasende Industriechemikalien häufig gemeinsam auftreten, ist den Empfängern der Frachtcontainer dringend zu empfehlen, die Verfügbarkeit einer Person mit einer Sachkundeausbildung nach Anlage 1c der TRGS 512 sicherzustellen. Diese ist im Zweifel berechtigt, einen Frachtcontainer zur Entladung oder zum Weitertransport freizugeben.

Nach niederländischen und deutschen Erkenntnissen sind Schuh- und Textilimporte aus Südostasien besonders häufig mit ausgasenden Industriechemikalien belastet, gefolgt von Möbelerzeugnissen und Einrichtungsgegenständen. Weniger häufig sind Frachtcontainer mit Arznei- oder Lebensmitteln betroffen.

Schutzmaßnahmen

Vor dem Hintergrund eines hohen Risikos, dass Frachtcontainer mit gesundheitsgefährlichen Gasen belastet sind, müssen im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung vor dem Öffnen und Entladen folgende Fragen abgeklärt werden:

  • Handelt es sich um eine Fracht, die potenziell als chemikalienbelastet anzusehen ist?
  • Sind auf dem Betriebsgelände in der Vergangenheit bereits identische oder vergleichbare Transporte eingetroffen?
  • Liegen Erfahrungen mit dieser Frachtart vor und wo können diese abgerufen werden?
  • Welche Schutzmaßnahmen wurden bei früheren Entladungen ergriffen?
  • Stehen Messgeräte zur Verfügung oder ist eine fachliche Unterstützung für Messungen anzufordern?

Ergibt dieser Check, dass der Frachtcontainer aufgrund seiner Ladung wahrscheinlich mit Industriechemikalien belastet ist, sollte er wie ein begaster Frachtcontainer behandelt werden. Das Öffnen sollte dann nur unter Leitung einer fachkundigen Person erfolgen, die in der Lage ist, mögliche Gefährdungen von Beschäftigten und Dritten zu ermitteln, zu beurteilen und die erforderlichen Schutzmaßnahmen zu veranlassen.

Lüftung von Frachtcontainern

Mit Begasungsmitteln oder mit Industriechemikalien belastete Frachtcontainer müssen vor der Entladung in geeigneter Weise belüftet werden, sodass ihre Begehung ohne gesundheitliche Gefährdung der Beschäftigten möglich ist. Die Belüftung kann durch Öffnen der Containertüren auf natürliche Weise oder mithilfe technischer Einrichtungen erfolgen. Untersuchungen haben gezeigt, dass der natürliche Luftaustausch bei einem 40 Fuß (ca. 12,2 Meter) langen Frachtcontainer sehr viel Zeit erfordert und für die Praxis in der Regel ungeeignet ist. Besser geeignet sind technische Lüftungsverfahren. Aber auch bei technischer Lüftung zeigt sich, dass die Wirksamkeit entscheidend abhängt von der Art der Ladung und der Stauung im Frachtcontainer.

Bei weitgehend ausgefülltem Innenraum und dichter Packung mit Ladungsstücken gelingt die Lüftung nur schwer; gibt es aber Freiräume um die Ladung herum und zwischen Ladung und Containerwand, lassen sich Luftströmungen und ein Abführen der Schadstoffe erreichen.

Natürliche Lüftung

Für eine natürliche Belüftung bei geöffneten Containertüren werden je nach Ladung und Stauung folgende Zeiten empfohlen:

  • Große Freiräume (unverpackte Ware, freie Stauung): > 2 Stunden
  • Geringe Freiräume (verpackte Ware, dichte Stauung): ungeeignet

Technische Lüftung

  • Nachgeführte Frischluftleitung:
    Eine vergleichsweise einfache technische Lüftungsmöglichkeit ist der Einsatz einer mit dem Fortschritt der Entladung nachgeführten Frischluftleitung. Über sie wird fortlaufend frische Luft in den Frachtcontainer bis zur jeweiligen "Entladefront" eingeblasen. Durch diese Art der Frischluftzufuhr werden die Gefahrstoffe allerdings durch den Arbeitsbereich der Beschäftigten nach außen geführt, sodass trotz ihrer Verdünnung eine Gefährdung verbleibt. Bei direkt an eine Lagerhalle angedocktem Frachtcontainer kann die belastete Luft sogar in die Halle gelangen und zu einer Belastung weiterer Personen führen, die nicht unmittelbar mit der Containerentladung befasst sind. Vorteilhafter ist es deshalb, die belastete Luft an der "Entladefront" abzusaugen und ins Freie zu blasen. Frischluftgebläse und passende Luftleitungen sind im Fachhandel für Feuerwehrbedarf erhältlich.
  • Lüftungskeil:
    Im Handel sind technische Lüftungssysteme erhältlich, bei denen ein "Lüftungskeil" in die bis zu einem entsprechenden Spalt geöffnete rechte Containertür eingesetzt wird. Über am Keil unten und oben angeschlossene Schlauchleitungen wird innen die belastete Luft abgesaugt und Frischluft zugeführt. Lüftungstechnische Untersuchungen haben bei diesem System gezeigt, dass bis zur Mitte eines beladenen Frachtcontainers ein relativ hoher Luftwechsel erreichbar ist; im hinteren Bereich bleibt jedoch der Luftwechsel gering und ist unzureichend.
  • Atemschutz:
    Bleiben Unsicherheiten über eine ausreichende Lüftung des Frachtcontainers, dürfen die Beschäftigten die Entladung nur unter Einsatz von Atemschutz vornehmen; dabei müssen die Bestimmungen des Atemschutzmerkblattes unbedingt beachtet werden. Da filternder Atemschutz nur dann in Betracht kommt, wenn die vorkommenden Gase auch zuverlässig zurückgehalten werden, muss ggf. Atemschutz mit Frischluftzufuhr eingesetzt werden. Bei Frischluftzufuhr über eine nachgeführte Druckluftleitung kann es zu einer störenden Beeinträchtigung der Beweglichkeit der Beschäftigten kommen. Eine größere Beweglichkeit erlaubende Frischlufthelme mit Filter sind allerdings nur dann geeignet, wenn die vorkommenden Gase wirksam zurückgehalten werden.

Informationen/Links

TRGS 512 "Begasungen"