Hinweise für Ärztinnen und Ärzte, Rettungsdienste und Feuerwehren

Gesundheitsgefahren durch chemische Substanzen beim Entladen von Frachcontainern

Aeskulapstab

Bild: Bobo, fotolia.com

Frachtcontainer werden in Übersee häufig zur Schädlingsbekämpfung mit Begasungsmitteln begast, ohne dass durch Kennzeichnung erkennbar ist, ob und mit welcher Substanz dies geschah. Die Frachtcontainer werden selten in Häfen, sondern überwiegend beim Empfänger entladen. Dies führt dazu, dass entsprechende Vergiftungen überall vorkommen können. Neben den typischen Begasungsmitteln können Gesundheitsgefahren durch Industriechemikalien auftreten. Da es sich hierbei um eine Fülle von Substanzen handelt, können diese Substanzen hier nicht im Einzelnen behandelt werden. Im Folgenden werden Diagnostik- und Therapiehinweise für Rettungsdienste und ärztliches Personal zu den am häufigsten verwendeten Begasungsmittel gegeben.

Häufig wird in der Akutsituation eine eindeutige Zuordnung von Intoxikationserscheinungen zu einer Substanz nicht gelingen. Da Langzeitschäden nach akuter Vergiftung sehr selten sind, sollte die Unsicherheit über die Art der Vergiftung nicht dazu führen, die Vergifteten ggf. hinsichtlich einer unklaren Prognose zu verunsichern. Außer für Blausäure gibt es keine spezifischen Antidots, sodass die übliche medizinische Behandlung ausreichend ist. Im Folgenden werden ausschließlich Folgen akuter Einwirkungen aufgelistet, Effekte durch unterschwellige chronische Einwirkungen sind nicht zu erwarten. Bei allen therapeutischen Maßnahmen ist auf Selbstschutz, zum Beispiel beim Bergen von Personen aus einem Frachtcontainer, zu achten.

Arbeitsmedizinisch-toxikologische Beratung

Grundsätzlich kann die allgemeine arbeitsmedizinisch-toxikologische Beratung nach der Gefahrstoffverordnung durch den Arbeitgeber oder eine von ihm beauftragte Person erfolgen. Diese Form der Beratung geschieht im allgemeinen kollektiv, wobei die Wechselwirkungen zwischen der Arbeit und der Gesundheit allgemein betrachtet werden. Hinweise zu möglichen Gefahren können z. B. aus den Sicherheitsdatenblättern entnommen werden. Die Einbindung von betriebsärztlichem Personal (falls vorhanden) erscheint sinnvoll, insbesondere um weitergehende medizinische Fragen der Beschäftigten beantworten zu können. Relevante Themen für die allgemeine arbeitsmedizinisch-toxikologische Beratung bei Tätigkeiten mit Gefahrstoffen oder bei Tätigkeiten mit biologischen Arbeitsstoffen können beim Ausschuss für Arbeitsmedizin auf den Internetseiten der BAuA eingesehen werden.

Arbeitsmedizinische Vorsorge

Eine arbeitsmedizinische Vorsorge nach der Verordnung zur arbeitsmedizinischen Vorsorge (ArbMedVV) findet im Gegensatz zur arbeitsmedizinisch-toxikologischen Beratung grundsätzlich als individuelle Arbeitsschutzmaßnahme zwischen Arzt und Beschäftigten statt. Sie kann technische und organisatorische Maßnahmen nicht ersetzen, jedoch ggf. wirksam ergänzen. Nach ArbMedVV gibt es drei Arten arbeitsmedizinischer Vorsorge: Pflicht-, Angebots- und Wunschvorsorge. Im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung hat der Arbeitgeber zu prüfen, ob er aufgrund der Tätigkeiten eine Pflichtvorsorge zu veranlassen hat (z. B. bei Tätigkeiten mit Benzol oder Kohlenmonoxid) oder aber verpflichtet ist, eine Vorsorge anzubieten (z. B. bei Arbeiten in Frachtcontainern mit Schimmelbildung). Sollten diese Gründe nicht vorliegen, hat der Arbeitgeber den Beschäftigten auf ihren Wunsch hin eine Vorsorge zu ermöglichen, es sei denn, aufgrund der Beurteilung der Arbeitsbedingungen und der getroffenen Schutzmaßnahmen ist nicht mit einem Gesundheitsschaden zu rechnen.

Wenn eine Vorsorge durchgeführt wurde, erhalten sowohl der Arbeitgeber als auch der/die Beschäftigte eine Vorsorgebescheinigung, die den Anlass und das Datum der Vorsorge enthält sowie den Termin der aus ärztlicher Sicht notwendigen nächsten Vorsorge.

Gefahrstoffinformationen

Phosphorwasserstoff (Phosphin)

Hauptaufnahmeweg: Atemtrakt.
Ausscheidung: Wird schnell abgeatmet.
Wirkung: Atemwegs- und Lungenschäden stehen im Vordergrund. Neurotoxizität. Schädigung von Herz, Leber und Nieren sind möglich. Oft keine sofortige Augenreizung oder Husten, Latenz bis zum Auftreten der Symptome (vor allem des Lungenödems) wurde beschrieben. Langzeitfolgen innerer Organe wurden beschrieben. Keine Kanzerogenität.
Therapie: Steroide inhalativ und systemisch. Bei tachykarden supraventrikulären Herzrhythmusstörungen wird Verapamil empfohlen, bei ventrikulären Lidocain; Heparinisierung.
Besonderheiten: Geruch nach Knoblauch oder faulem Fisch.

Brommethan (Methylbromid)

Hauptaufnahmeweg: Atemtrakt und Haut.
Ausscheidung: Ausscheidung überwiegend als CO2 mit Atmung, aber auch Harn und (weniger) Faeces.
Wirkung: Atemwegs- und Lungenschäden, typischerweise mit einer Latenz von Stunden auftretend. Hautreizungen bis zu Blasenbildungen. Sehstörungen. Neurotoxizität. Leber- und Nierenschäden. Neurotoxische Langzeitfolgen wurden beschrieben. Fragliche Kanzerogenität.
Therapie: Benetzte Hautpartien oder Augen mit Wasser oder besser 5 %-iger Natriumhydrogencarbonatlösung reinigen, ggf. auch inhalative Gabe bei Atemwegssymptomen (0,5 bis 2 %). Steroide inhalativ und systemisch. Eine Therapie mit N-Acetylcystein wird nicht mehr empfohlen. Bromidbestimmung im Harn und Blut zur Diagnostik/Verlaufskontrolle sinnvoll.
Besonderheiten: fast geruchlos, in höheren Konzentrationen süßlich riechend.

Blausäure

Hauptaufnahmeweg: Atemtrakt, auch Haut.
Ausscheidung: Bindung des Cyanids an Fe3+Hb, daraus langsam freigesetztes Cyanid wird an Thiosulfat gebunden und als Thiocyanat über Niere ausgeschieden.
Wirkung: Lungenschäden. Hautreizungen. Unterbrechung des Stoffwechsels. Neuro- und kardiotoxische Symptome. Keine Langzeitschäden beschrieben. Keine Kanzerogenität.
Therapie: Benetzte Hautpartien mit Wasser reinigen, bei leichten Bewusstseinsstörungen 100 mL Natriumthiosulfat 10 % i.v., bei Bewusstlosigkeit vorher 4-DMAP 3 bis 4 mg/kg Körpergewicht i.v. Sauerstoffgabe. Antikonvulsiva.
Besonderheiten: Bittermandelgeruch.

Sulfurylfluorid

Hauptaufnahmeweg: Atemtrakt.
Ausscheidung: Abbau zu Fluorid und Ausscheidung über Niere
Wirkung: Wenig Reizwirkung. Toxisches Lungenödem. Neuro- und kardiotoxische Symptome. Keine Kanzerogenität. Hauterfrierungen nach Kontakt mit flüssigem Sulfurylfluorid
Therapie: Bei Hautkontakt mit Seife duschen. Steroide inhalativ und systemisch. Fluoridausscheidung mit Furosemid fördern. Fluoridbestimmung im Harn und Blut zur Diagnostik/Verlaufskontrolle sinnvoll.
Besonderheiten: geruchlos.