3. iga-Kolloquium: Veränderungskultur stärkt Leistungsfähigkeit Älterer

17. bis 19. März 2004 im BGAG Dresden

50 Interessierte aus Unternehmen, Berufsgenossenschaften, Arbeitsmedizin und Wissenschaft trafen sich vom 17.-19.03.2004 im BGAG (Dresden), um sich mit dem Handlungsbedarf im Arbeitsschutz aufgrund des demographischen Wandels auseinander zu setzten. Eingeladen hatte die Initiative Gesundheit und Arbeit (iga), ein Kooperationsverbund des Bundesverbandes der Betriebskrankenkassen (BKK-BV) mit dem Hauptverband der gewerblichen Berufsgenossenschaften (HVBG). Die Veranstalter spannten einen Bogen von aktuellen wissenschaftlichen Befunden bis hin zu betrieblichen Praxisbeispielen.

Als Höhepunkt wurde im Rahmen einer Exkursion ein nicht nur von der Altersstruktur her typischer ostdeutscher Betrieb besucht: Massiver aber nach den Kriterien der Sozialverträglichkeit Anfang der 90er Jahre betriebener Personalabbau hat zu einer fast altershomogenen Belegschaft geführt. "Wir feiern gerade Reihum den 50sten Geburtstag, und haben das Gefühl alle gemeinsam in Rente zu gehen. Nur dann ist hier niemand mehr!" So fasste die Personalleiterin der Firma die Situation zusammen. Sie erläuterte auch, dass das Problem einerseits seit langem erkannt ist, andererseits aber derzeit keine wirtschaftlichen Spielräume für eine konsequente Neueinstellung jüngerer und "mittelalter" Beschäftigter bestehen.

Die Experten waren sich einig, dass ostdeutsche Betriebe mit ihren alternden Belegschaften Vorboten einer Entwicklung sein könnten, die sich früher oder später auch in Westdeutschland verbreiten wird. Verstärkt wird sie durch das Auslaufen der Regelungen des Altersteilzeitgesetztes im Jahre 2009 und durch den Rückgang der Zahl der Jugendlichen. Prof. Kistler (Internationales Institut für empirische Sozialforschung; Stadtbergen) gab jedoch in seinem Beitrag kritisch zu bedenken, dass der Zeitpunkt ab dem es zu einer tatsächlichen Mehrbeschäftigung Älterer kommt, sehr viel weiter in der Zukunft liegen kann, als in gängigen Prognosemodellen angenommen wird.

Die weiteren betrieblichen Beispiele zeigten aber, dass es auch heute schon Firmen gibt, die neue Konzepte praktizieren, um ihre Mitarbeiter länger zu beschäftigen als früher. "Die Praxis ist viel bunter, als die Theorie" fasste Frau Prof. Gunda Mainz (Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, Berlin) zusammen. Sie selbst gab in ihrem Beitrag Empfehlungen für Betriebe, die sich dem Thema stellen: Am wichtigsten ist aus ihrer Sicht, die Entwicklung einer Lern- und Karrierekultur, die eine Mischung verschiedener Tätigkeiten des Einzelnen schon früh erlaubt.

Ein Hilfsmittel hierzu, die sogenannte Qualifikationsmatrix, stellte Jürgen Wieg (Verwaltungsgemeinschaft der Maschinenbau und Metall-BG und Hütten und Walzwerks-BG, Düsseldorf) vor: Eine regelmäßige Einschätzung der auf allen Arbeitsplätzen benötigten Kompetenzen und aller bei den Mitarbeitern vorhandenen Kompetenzen erlaubt es frei werdende Stellen immer zuerst durch Umsetzung zu besetzen. So wird ein innerbetrieblicher Wechsel zum Normalfall, die Lern- und Veränderungsbereitschaft bleibt über alle Altersstufen erhalten und die Belastungssituationen verändern sich im Laufe der Erwerbsbiographie.

Frau Dr. Perlebach (Hauptverband der gewerblichen Berufsgenossenschaften, St. Augustin) merkte an, dass es der Unfallversicherung in der Vergangenheit nicht immer gelungen sei positiv zu vermitteln, dass Beratungen zur Ergonomie und Vorschriften zum Arbeitsschutz dem wichtigen Ziel der Erhaltung der Beschäftigungsfähigkeit bis ins Alter dienen. Die Förderung einer stärkeren Verantwortung für die eigene Gesundheit als präventive Maßnahme in alternden Belegschaften wurde kontrovers diskutiert. Rein betrieblich veranlasste Programme scheinen bislang oft ihre Zielgruppen nicht zu erreichen. Bessere Erfahrungen liegen vor mit Anreizen von Arbeitgebern zu eigenen (offensichtlich eher als privat erlebten) Aktivitäten, wie zum Beispiel Zuschüssen zum Fitnessstudio.

Gezeigt hat sich vor allem, dass es keine Patentrezepte gibt. Ob ein Handlungsbedarf für einzelne Betriebe besteht, zeigt sich aber oft schon, wenn man eine Analyse der betrieblichen Altersstruktur mit den Ergebnissen eines altersspezifischen Gesundheitsberichts in Zusammenhang bringt. Welche Maßnahmen, dann im konkreten Fall ergriffen werden können, ist Thema des vierten Kolloquiums. Unter dem Motto "Szenarien zu den Folgen des demographischen Wandels" vom 16.-18. März 2005 im BGAG in Dresden, werden bestehende Handlungsalternativen praxisnah durchgespielt.

Ausgehend von konkreten betrieblichen Szenarien, sollen dann Experten einen Korridor möglicher Entwicklungen erläutern. Die Teilnehmer sollen aus dem Werkzeugkasten der "Empfehlungen für alternde Belegschaften" geeignete Instrumente auswählen und ihre vermuteten Wirkungen durchspielen. Ziel ist es dabei nicht nur Teilnehmer in die Lage zu versetzten sich als Personalverantwortliche adäquat zu verhalten, oder aus Sicht der Prävention richtungsweisend zu beraten. Auch neue Fragen an die Forschung sollen formuliert werden.

Initiative Gesundheit und Arbeit

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