Berechnung des Internationalen Return on Prevention für Unternehmen:

Kosten und Nutzen von Investitionen in den betrieblichen Arbeits-und Gesundheitsschutz

Zielsetzung:

Unternehmen tätigen Ausgaben für betriebliche Präventionsarbeit. Sie tun dies aufgrund gesetzlicher Vorschriften und ihrer sozialen Verantwortung gegenüber den Beschäftigten. Gleichzeitig handelt es sich jedoch auch um Investitionen im eigenen betriebswirtschaftlichen Interesse. Durch eine geringere Zahl von Arbeitsunfällen und Berufskrankheiten können beispielsweise Betriebsstörungen reduziert und die Produktivität gesteigert werden. Es stellt sich daher die Frage, ob sich Ausgaben für betriebliche Präventionsarbeit aus einzelwirtschaftlicher Sicht "lohnen". Außerdem interessiert die Größenordnung, in der im Rahmen einer Präventionsbilanzierung gegebenenfalls ein "Return on Prevention" anfällt.

In den Jahren 2006-2008 wurde unter der Leitung von Prof. Dr. Dietmar Bräunig, Justus-Liebig-Universität Gießen, ein Forschungsprojekt zum Thema "Präventionsbilanz aus theoretischer und empirischer Sicht" durchgeführt. Für die betriebliche Präventionsarbeit in Deutschland ließ sich ein Return on Prevention (Präventionsnutzen-Präventionskosten-Verhältnis) in Höhe von 1,6 ermitteln. In Zusammenarbeit mit der Internationalen Vereinigung für Soziale Sicherheit (IVSS) und dem Institut für Arbeit und Gesundheit der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (IAG) soll die Untersuchung international ausgedehnt werden. Ziel ist die Aufstellung einer Präventionsbilanz und die Berechnung des Return on Prevention für die beteiligten Länder.

Zu ermitteln ist der einzelwirtschaftliche Präventionserfolg. Hierzu werden in einer Präventionsbilanz die betrieblichen Präventionskosten und der betriebliche Präventionsnutzen in monetärer Form gegenübergestellt. Der Präventionserfolg ergibt sich rechnerisch als Saldogröße. Darauf aufbauend lässt sich der Return on Prevention als Präventionsnutzen-Präventionskosten-Verhältnis darstellen.

Für Entscheidungsträgerinnen/Entscheidungsträger in Unternehmen ist das Ergebnis von großer Bedeutung für die Disposition künftiger Maßnahmen des Arbeitsschutzes. Präventionserfolg und Return on Prevention zeigen abstrakt auf, ob und in welchem Umfang Ausgaben in betriebliche Präventionsarbeit investiven Charakter und für die Unternehmen selbst ein Erfolgspotenzial besitzen. Im unternehmenspolitischen Zielsystem erhält der Arbeitsschutz die Chance auf eine Neupositionierung. Dieser Aspekt ist auch aus sozialen Gründen umso wichtiger in Ländern, in denen der Arbeitsschutz bislang noch keine adäquate Bedeutung besitzt. Außerdem dürften die Projektergebnisse die künftige Planung von Präventionsmaßnahmen beeinflussen und beispielsweise bei der Präventionsberatung eine signifikante Rolle spielen. Insofern gehören die in Präventionsbereichen der gesetzlichen Unfallversicherung beschäftigten Personen ausdrücklich mit zum unmittelbaren Adressatenkreis.

Aktivitäten/Methoden:

a) Vorgehensweise
Das international angelegte Forschungsprojekt verfolgt das Ziel der Aufstellung von Präventionsbilanzen (in monetärer Form) für Unternehmen in verschiedenen Ländern einschließlich der Kalkulation des jeweiligen länderspezifischen Return on Prevention.

Das herkömmliche Rechnungswesen weist eine externe Kapitalorientierung und/oder interne Entscheidungsorientierung auf. Präventionsbilanzen hingegen erfassen die Kosten und den Nutzen betrieblicher Präventionsarbeit. Präventionskosten führen kurzfristig zu Ausgaben, der Nutzen betrieblicher Präventionsarbeit stellt sich häufig erst langfristig ein. Deshalb lässt sich Präventionsbilanzierung am besten als eine erweiterte Kosten-Nutzen-Rechnung begreifen. Der betriebliche Präventionsnutzen entsteht unmittelbar durch Vermeidung von Arbeitsunfällen, Berufskrankheiten und arbeitsbedingten Gesundheitsgefahren sowie mittelbar durch Sekundäreffekte, die zu einem ökonomischen Vorteil für Unternehmen führen. Die Präventionsbilanz ist keine Bestandsrechnung, sondern eine präventionsökonomische Erfolgsrechnung. Sie stellt die betrieblichen Präventionskosten und den betrieblichen Präventionsnutzen gegenüber. Der Präventionserfolg ergibt sich als Saldo.

Als zweckmäßig erweist sich die Unterscheidung folgender Präventionskostenarten: Kosten für persönliche Schutzausrüstungen, sicherheitstechnische und arbeitsmedizinische Betreuung, Sicherheitsbeauftragte, bestimmte präventionsbedingte Qualifizierungsmaßnahmen und Vorsorgeuntersuchungen sowie Organisations-, Investitions- und Anlaufkosten. Zu den Präventionsnutzenarten gehören: Kosteneinsparungen durch vermiedene Betriebsstörungen, vermiedenen Ausschuss und geringere Nacharbeit, Wertzuwachs durch gestiegene Motivation und Zufriedenheit der Beschäftigten, nachhaltige Qualitätsorientierung und verbesserte Produktqualitäten, Produktinnovationen und höheres Image.

Der empirische Forschungsansatz basiert auf Interviews, die subjektive Einschätzungen bezüglich der mit betrieblicher Präventionsarbeit gemachten Erfahrungen ausdrücken. Besser wären "harte" Kennzahlen (z. B. Veränderungen der Produktivität) zur Bemessung des Präventionserfolgs. Entsprechende Daten liegen allerdings nicht vor und lassen sich von außen auch nicht gewinnen. Insofern ist die ersatzweise Befragung von Experten ein praktikables, methodisch fundiertes und durchaus übliches Verfahren. Die in die Untersuchung einbezogenen Unternehmen sollten deshalb Erfahrung im Arbeitsschutz besitzen.

Ein formales Verständnis von und justiziable Anforderungen an Präventionsbilanzierung stoßen an Grenzen. Stattdessen basiert die Präventionsbilanz auf einem ökonomischen Modell, das zwar restriktive Annahmen zugrunde legt, innerhalb der Prämissen aber eine Abschätzung der einzelwirtschaftlichen Wirkungen betrieblicher Präventionsarbeit ermöglicht. (Monetärer) Präventionserfolg und Return on Prevention sind theoretische Größen, die Richtung und Stärke des Wirkungszusammenhangs zwischen Präventionsnutzen und Präventionskosten beschreiben und ein ökonomisches Erfolgspotenzial zum Ausdruck bringen.

Eine Übersicht über die Länder, die an der Untersuchung teilgenommen haben, befindet sich im Abschlussbericht.

b) Forschungskooperation
Das Forschungsprojekt wird in Kooperation mit dem Generalsekretariat der Internationalen Vereinigung für Soziale Sicherheit, dem Besonderen Ausschuss für Prävention, den Internationalen Sektionen für Prävention, dem Institut für Arbeit und Gesundheit der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (IAG) sowie einem externen wissenschaftlichen Forschungsbegleiter (Prof. Dr. Dietmar Bräunig) durchgeführt. Die Berufsgenossenschaft Energie Textil Elektro Medienerzeugnisse (BG ETEM) übernimmt die operative Durchführung.

c) Qualitätssicherung
Zur Steuerung des Forschungsprojekts wird ein Beirat eingerichtet. Personell setzt er sich aus einem externen Wissenschaftler, Angehörigen der Kooperationspartner und aus Mitarbeiter/innen des Präventionsdienstes der Träger der gesetzlichen Unfallversicherung zusammen.

Für die Bearbeitung des Forschungsprojektes gelten die üblichen Regeln zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis.

Ergebnisse:

Die wichtigsten Ergebnisse können wie folgt zusammengefasst werden:

Die Ergebnisse dürfen aus methodischen und statistischen Gründen nicht überinterpretiert werden. Sie beruhen letztlich auf (Ein-)Schätzungen. Allerdings dürfen sie auch nicht zu gering bewertet werden, da im betrieblichen Arbeits- und Gesundheitsschutz kundige Personen befragt und das Interview als anspruchsvolle Erhebungsmethode gewählt wurden. Das Projekt versteht sich in diesem Zusammenhang als ein erster Schritt: nicht mehr, aber auch nicht weniger. Es bedarf weiterer nationaler und internationaler Forschungen auf dem Gebiet der Präventionsbilanzierung.

Die Legitimation des betrieblichen Arbeits- und Gesundheitsschutz beruht auf drei Säulen. Vorrangig geht es aus ethischen und humanitären Gründen darum, die Beschäftigten vor Arbeitsunfällen und Berufskrankheiten zu schützen. Hinzu kommen gesellschaftliche Gründe, denn nur ein wirksamer Arbeits- und Gesundheitsschutz sichert dauerhaft die Leistungsfähigkeit einer gesetzlichen Unfallversicherung und den sozialen Schutz der Beschäftigten. Die Bedeutung dieser beiden ersten Säulen rechtfertigt eine gesetzliche Verankerung des betrieblichen Arbeits- und Gesundheitsschutzes.

Darüber hinausgehend verdeutlichen die Projektergebnisse, dass Ausgaben für betrieblichen Arbeits- und Gesundheitsschutz aus ökonomischer Sicht einzelwirtschaftlich lohnende Investitionen darstellen und den Unternehmen auch selbst zugutekommen. Es wird dadurch eine dritte "Präventionssäule" definiert. lm Interesse der Beschäftigten, der Gesellschaft und den Unternehmen sollte sie bei der künftigen nationalen und internationalen Arbeitsschutzpolitik eine wichtige Rolle spielen.

DGUV Report 1/2013: Berechnung des internationalen "Return on Prävention" für Unternehmen: Kosten und Nutzen von Investitionen in den betrieblichen Arbeits- und Gesundheitsschutz

DGUV Report 1/2013e: Calculating the International Return on Prevention for Companies: Costs and Benefits of Investments in Occupational Safety and Health