Vom Marktgeschrei zur Meditation

  • Schlummernde - Decollage von Ilona Steinmüller

In der Ausstellung "Zeitgeknister" zeigt Ilona Steinmüller bis zum 25. März 2015 geheimnisvolle Werke voller Widersprüche.

Woche um Woche infiltrieren sie unsere Haushalte. Widerstand zwecklos: Werbeprospekte sind überall. Meist empfinden wir sie eher lästig denn informativ; oft genug wandern sie ungelesen ins Altpapier.

Nur eine schaut genauer hin. Nein, sie ist keine obsessive Schnäppchenjägerin. In der dörflichen Abgeschiedenheit des Meißner Hinterlandes, das von der bunt beworbenen Konsumwelt kaum weiter entfernt sein könnte, kreiert eine Frau aus dem Kommerzmüll Kunst. Es ist nicht das einzig Widersprüchliche an Ilona Steinmüller.

In einer ehemaligen LPG-Scheune hat sie sich eingerichtet. Drei stattliche Katzen tummeln sich in der Küche, dem einzig wohlig warmen Raum. Wie die zierliche, blonde Frau mit den feinen Gesichtszügen die Kaffeetafel deckt, verströmt sie die Mütterlichkeit einer Bilderbuch-Bauernfrau. Wer sie so sieht, ahnt nicht, dass es die Künstlerin täglich schon in der Frühe in den riesigen Schuppen nebenan zieht, in dessen Eiseskälte sich Apfelduft mischt: Obstkisten lagern neben schwerem Gerät. Nein, keine landwirtschaftlichen Maschinen wie noch zu DDR-Zeiten. Um ihre Kunst zu schaffen, hantiert die Landfrau mit Flex und Ständerbohrmaschine. Doch das ist nur ein Aspekt ihres Schaffens, das beileibe nicht nur aus derart brachialen Handgriffen besteht.

Ein Nebenraum beherbergt, was man sich unter einem klassischem Atelier vorstellt: ein gemütliches Stübchen mit Biedermeier-Wanduhr, in dem Kreiden, Tuschen, Acryl- und Ölfarben ordentlich aufgereiht sind. Der Blick aus dem Fenster geht auf eine Wiese, dahinter: leeres Land. Wieder so ein Widerspruch: Man erwartet, dass hier zwangsläufig Landschaftsbilder entstehen. Die es auch gibt: Ilona Steinmüller zieht eine Leinwand von einem verhüllten Stapel. Hügel, Bäume, Himmel, wirklich wunderschön. Bewundernde Ausrufe bringt sie mit einem bestimmten Lächeln zum Schweigen. Mit Figürlichem hat sie einstweilen abgeschlossen.

Nicht, dass sie nicht mehr zu diesem früheren Œuvre steht. Doch ihr Interesse hat sich verlagert, hin zu den Decollagen, mit denen sie auch die Ausstellung "Zeitgeknister" bestückt hat. In ihnen collagiert, fusioniert und verkleistert sie die eingangs erwähnten Prospekte, um sie anschließend Schicht für Schicht wieder abzutragen. Wie sie das Marktgeschrei der Möbelhäuser und Elektronikmärkte in meditative Bildaltäre wandelt, ist der größte Widerspruch und innerstes Geheimnis dieser Kunstwerke zugleich.

Text: Kathrin Muysers, Abbildung: "Schlummernde", Decollage

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